Beschäftigt man sich mit der Schönheit ist die Diskussion oft auf individuelle Meinungsäußerungen beschränkt. Deswegen, weil das Schöne als Herrlichkeit, Anmut, Pracht und Zierde an eine subjektive Wertung geknüpft ist. Setzt man sich jedoch mit dem Verständnis von Ästhetik auseinander, so ist die Betrachtung nicht nur auf „das Erhabene“ beschränkt.

Philosophie fragt nicht „Ist dieser oder jener Gegenstand schön?“, sondern: „Was ist Schönheit?“. Und um Schönheit zu ergründen, muss man sich damit beschäftigen, wie Schönheit empfunden wird. Damit befinden wir uns in den Gefilden der Ästhetik, denn der griechische Begriff aisthesis, bedeutet Wahrnehmung, Empfindung, Gefühl.

Es folgt eine kurze philosophische Abhandlung über die Bedeutung der Ästhetik und der Anästhetik, als Unempflindlichkeit. Es hilft zu verstehen, was das alles mit Schönheit in der heutigen Welt zu tun hat. Ich möchte dafür sensibilisieren „ästhetisch zu Denken“.

2016 02 06 02.07.20

Ich will es nicht allzu kompliziert machen, aber ein wenig Grundlagenwissenschaft muss ich hier schon betreiben, wenn ich über „Schönheit” schreibe. Klar, schön einfach wäre angenehmer, allerdings bin ich halt Philosophin und wir neigen nun mal dazu gewisse Dinge differenzierter zu betrachten. Und dazu gehört nun mal auch Begrifflichkeiten und Bedeutungen zu erörtern, damit wir zu einem besseren Verständnis kommen. Im Übrigen dafür, dass wir nicht einander vorbeireden, wenn wir miteinander diskutieren, sondern von vornherein ein gemeinsames Fundament aufbauen.

Ich liebe Philosophie und entgegen vieler Vorurteile ist es definitiv nicht kompliziert. Viele bekannte Philosophen drücken sich nur sehr komplex aus. In diesem Artikel versuche ich auch den Laien-Philosophen das Schöne an der Philosophie nahezubringen. Ohne Fachgeplänkel komme ich allerdings nicht ganz aus. Es sei mir verziehen.

„Die Wissenschaft ist unter der Optik des Künstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens“ 

— Friedrich Nietzsche

Zuallererst sei festgehalten, dass Ästhetik nicht wie fälschlicherweise oft behauptet die „Lehre vom Schönen” ist. Wir benutzen zwar das Wort „unästhetisch“ im Alltag in der Bedeutung von „abstoßend“ und „hässlich“, allerdings ist der Gegenpol von Ästhetik die Anästhetik. Das Wort ist wohl den meisten bekannt aus der Medizin und beschreibt die Unempfindlichkeit und Empfindungslosigkeit. Es meint den Verlust der Sensibilität „von der physischen Stumpfheit bis zur geistigen Blindheit“.

In der Ästhetik geht es um die sinnliche Aneignung der Wirklichkeit in all ihren Qualitäten – den positiven wie den negativen. Bei der Ästhetik geht es um die Beschäftigung und wertende Auseinandersetzung mit der ganzen Palette sinnlicher Qualitäten. Daher ist die Lehre vom Schönen, die Kallistik (griech. kalós = schön, angenehm), bloß ein Teilbereich der Ästhetik.

Ich kann dich beruhigen, das Wort Kallistik habe ich auch erst mit der Recherche zu diesem Artikel gelernt. Schön und gut, aber wieso führe ich das nun so ausführlich aus? Weil es dann interessant wird, wenn wir uns fragen wann wir auf etwas ästhetisch reagieren und wann anästhetisch. Was bedeutet das?

Ästhetik als Sensibilisierung?

Um es noch schöner zu verdeutlichen: Ästhetik meint die Verfeinerung und Erweiterung des sinnlichen Erlebens. Gemeint ist damit, dass gewöhnliche Gegenstände aufhören gewöhnlich zu sein. Wir nobilisieren sie, indem wir differenzierter Wahrnehmen. Erst wir machen die Dinge besonders.

„Es ist alles da. Wir können auf alles und jedes, das irgendwie sinnlich gegenwärtig ist, ästhetisch reagieren — oder auch nicht“

— Martin Seel

Und das Thema wird umso faszinierender, wenn wir feststellen, dass neben der „ästhetischen Kunst“, die unsere Sinne bereichert, schärft und fordert es anscheinend auch eine „anästhetische Kunst“ gibt.

Wie kann Kunst, statt unser Empfindungsvermögen zu kultivieren, uns abstumpfen?

Kunst als Betäubungsmittel?

Die Beispiele finden sich zuhauf. Kunst, die in Kitsch abgleitet. Heile-Welt Weissagungen, mit der Zielsetzung der Realität zu entfliehen, ob nun Groschenromane oder Science-Fiction und Fantasie-Romane. „Volksdümmliche“ Mainstream-Ware in Musik oder Fernsehen. Auch die Objekte der Hochkunst, kann man kullinarisch, aber rein kapitalistisch konsumieren.

Und empfinden wir das trotzdem als schön? Ist das wirklich Schönheit?

Mit der Coolness, das Trendwort der Achtzigerjahre, wird unsere Gesellschaft zunehmend desensibilisiert und narkotisiert. Sie erzeugt „leerlaufende Euphorie und einen Zustand trancehafter Unbetreffbarkeit“ im doppelten Sinn von Berauschung und Betäubung. Unterstützt wird das Ganze durch die heutige Informationsgesellschaft, denn zur Wahrnehmungsflut gesellt sich Wahrnehmungsverlust.

„Ästhetisierung erfolgt als Anästhetisierung“

— Wolfgang Welsch

Welsch, von dem die meisten dieser Thesen stammen, schreibt der Bildlichkeit der medialen Welt die Abstumpfung zu. So beschreibt er, dass die Menschen sich zu „televisionären Monolithen“ entwickeln, kontakt- und fühllos gegenüber der konkreten, der wirklichen Welt. Nicht zur echten Empathie oder Solidarität fähig.

„Die Welt als solche ist nur ein großer Schwindel. Wir spamen uns voll mit unseren immerwährenden Bullshit-Kommentaren als Erkenntnisse getarnt. (...)Wir wissen alle wieso wir das tun. Nicht weil uns die Tribute von Panem-Bücher glücklich machen, sondern weil wir ruhig gestellt werden wollen. Weil es schmerzhaft ist nichts vorzutäuschen, weil wir Feiglinge sind. Scheiß Gesellschaft!”
— aus der Serie Mr. Robot

2016 02 06 02.09.36

Ist die Erklärung zu schön, um wahr zu sein?

Anästhesie, also Abstumpfung und Ignorierung als Reaktion zum technologischen Fortschritt? Die Erklärung ist zu einfach, denn teilweise sind wir an sich anästhetische Wesen. Wir filtern unsere Welt von Vornherein. Ob nun in der Entscheidung mit welcher unserer Sinne wir wahrnehmen oder mit welchem Fokus. Ob nun Sehen, Hören, Fühlen, um etwas sichtbar zu machen, müssen wir etwas anderes unsichtbar machen. Alles auf einmal geht gar nicht.

Keine aisthesis ohne anaisthesis

Und seien wir ehrlich bei den ganze politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, als auch umweltlichen Problemen auf der Welt ist doch ganz nachvollziehbar, dass wir uns wie eine Schildkröte in uns verkriechen und nichts an uns ranlassen. Wahrnehmungsverweigerung par excellence als Selbsterhaltungstrieb.

„Gerade den ästhetisch avancierten Nerven ist das selbstgerecht Ästhetische unerträglich geworden.“

— Theodore W. Adorno

Aber darf das sein? Sind wir so überhaupt noch in der Lage das Schöne in der Welt wahrzunehmen, indem wir uns vollends von allem Sinnlichen abkapseln und unsere Seele verkümmern lassen?

Das ästhetische Denken

„Etwas merken ist Wahrnehmung, ist Ästhetik im weitesten Sinne und bleibt bis in die letzte Instanz die Angelegenheit des Denkens.“

— Peter Sloterdiyk

Wie können wir also etwas bemerken, was wir nicht mehr wahrnehmen? Indem wir das Fehlen wahrnehmen. Das rein rationale Denken hilft hier nicht weiter. Welsch propagiert daher das ästhetische Denken, das fähig ist die Lücke zu schließen. Erst der ästhetisch Sensibilisierte kann das Anästhetische als solches erkennen, also wahrnehmen.

„Gegen systematische Anästhetik hilft nur gezielt Anästhetik“

Blogparade Schönheit

12645233 830232213752259 8415242496299826987 n

Falls du meiner Fachsimplerei bis hierhin gefolgt bist, so danke ich dir herzlichst für deine Geduld. Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Schönheit“ und mit meiner begrifflichen Korinthenkackerei darf ich diese auch eröffnen. Am 3. Februar folgt der nächste Beitrag von SanShine Sandra auf wish-dream-star.blogspot.de.
 
Vormerken: Ein weiterer Artikel „Schönheit im Wandel“, allerdings diesmal eher persönlicher Natur und weniger fachbezogen, kannst du am 11.Februar von mir lesen.

Fazit:

Wir halten fest, dass letztlich Schönheit nicht wäre, ohne unsere Wahrnehmung. Dass wir jedoch in der heutigen Zeit aufpassen müssen seelisch nicht zu verkümmern. Der Abstumpfung können wir entgegenwirken, indem wir darauf achten, was wir nicht unmittelbar wahrnehmen. Vielleicht tut eine gute Mischung aus Schildkröten-Panzer und weltoffener Sensibilität gut, um uns den Problemen der heutigen Welt zu stellen. Jeder muss jedoch für sich erkennen, wann und wie er seine schöne Umwelt wahrnimmt bzw. wahrnehmen will.

Was meinst du?

Denke an all die Schönheit, die dich noch umgibt, und sei glücklich!

Anne Frank

Kommentare

Ulrike Neeb
# Ulrike Neeb 03.02.2016
Danke, für die ausführliche und sehr interessante Sichtweise über die Schönheit. Ich persönlich sehe Schönheit sehr einfach. Ich halte mich nach dem Motto. Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Liebe Grüße
Ulrike
Antworten Zitieren
Yasemin Akdemir
# Yasemin Akdemir 06.02.2016
Hey Ulrike, bitte bitte. Ich hab das Thema Schönheit ja etwas ausgereizt :D Und ja, viele Dinge liegen subjeitiv beim Betrachter, aber dazu müssten sie ja erst einmal wahrgenommen werden. Ich glaub, dass wir oft genug die Schönheit von so vielen DIngen gar nicht wertzuschätzen wissen, weil wir unsere Aufmerksamkeit nicht darauf richten. Grüßken.
Antworten Zitieren

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren