Die Zahl der neuen Bücher, die jährlich erscheint, wächst stetig. Sachbücher zum Thema  der Unternehmensführung, der Achtsamkeit oder zur Persönlichkeitsentwicklung liegen voll im Trend. Man will sich ja immer weiterentwickeln und neues Wissen erwerben. FOMO, das englische Akronym für „Fear of Missing Out“ macht sich breit. Das Gefühl etwas zu verpassen. Mehr und mehr. Schnell und noch Schneller. Die Devise unseres postmodernen Lebensstil.

”Speedreading“ ist In. So schnell wie möglich die Hauptthesen eines Buches begreifen. Bloß nicht ganze Sätze lesen. Nur an den langen Wörtern hängenbleiben. Zeit sparen. Ganz schnell, ganz viel Wissen erwerben. Aber zu welchem Preis? Was sind die „Opportunitätskosten“, was verpasst du dabei?

Ich erläutere dir, wieso sich manchmal ein ausführlicher oder gar zweiter, dritter Blick in manche Bücher eben doch lohnt. Und warum sich Speedreading und Blinkist nicht immer auszahlen.

Ich liebe Bücher. Vor allem Sachbücher. Romane nicht so sehr, da verliere ich mich zu schnell. Und als leicht suchtgefährdete Person, kann ich dann nicht aufhören zu lesen. Deswegen mag ich Sachbücher lieber. Beim Sachbücher Lesen krieg ich wenigstens meinen Schlaf, weil man unproblematisch am Ende eines Kapitels aufhören kann zu lesen, da man selbst nach einigen Tagen Pause schneller wieder am letztgelesenen Satz wiedereinsteigen kann. Ich hab die letzten vier Jahre über 150 Bücher gelesen – Fachliteratur und andere spezielle Sachbücher für die Uni nicht mitgezählt. Woher ich das weiß? Ich musste vor kurzem meine Steuerbescheinigung der letzten drei Jahre anfertigen.

Der Wissensdurst nach mehr. Aber wozu?

Vor zwei Jahren gewann ich bei einem Gewinnspiel auf karrierebibel.de das Buch „Alles anders — Erkennen Sie Ihre wahre Berufung und werden Sie glücklich“ von Michaela Lang und Oliver Fritsch. Beide leiten gemeinsam die Firma „Denkzeuge“, die einerseits ziemliche coole individuelle Tools und Methoden anbietet, als auch inzwischen Unternehmensberatung und Ausbildungen. Lang und Fritschs Buch ”Alles anders“, ist eher ein Karrierecoaching-Tool und hat es echt in sich. Um es zu lesen, durchzuarbeiten und jede Übung zu machen habe ich damals 2 Monate gebraucht. Mit Oliver schrieb ich auch kurz über Facebook zu der Zeit und nachdem er mir rückmeldete — was ich zwar wusste, und auch durch das Buch und die Übungen bestätigt bekam, dann aber als bestätigende Fremdwahrnehmung auch von ihm — einer meiner Stärksten inneren Antreiber ist: Wissensdurst/Entwicklung. Oliver hat mich dann aber gefragt: „Wozu?“. Ich hatte keine Antwort parat und irgendwie verstand ich auch nicht, wieso eine Antwort darauf überhaupt notwendig ist. Kann es nicht einfach so sein, dass ich einfach neugierig bin. Im Laufe der letzten zwei Jahre ploppte die Frage trotzdem immer wieder in mir auf.

Warum Speedreading scheiße ist. Blinkist auch!

Eigentlich hab ich nichts gegen Speedreading. Blogartikel überfliege ich auch oft und ich ärger mich, wenn ich mir die Zeit nehme einen langen Beitrag zu lesen, und am Ende hätte man die Quintessenz in drei Sätze zusammenfassen können. So viel unnötiges Blabla! Was weder unterhaltsam, noch anekdotisch interessant, noch argumentativ notwendig war. Bullshit! Im Internet gibt’s leider viel Bullshit. Bei sowas kann man Speedreading anwenden. Aber gute Bücher, vor allem Sachbücher, sind kostbar und wertvoll. Sachbücher sollen dem Leser beim Erwerben von Wissen helfen. Jeder einzelne Satz ist vom Autor wohlüberlegt, vom Lektor kritisch beleuchtet. Es wird gekürzt, bis es wehtut.

„Jedes Wort, das gehen kann, soll gehen.“

Walter Epp von Schreibsuchti.de 

„Blinkist“ ist eine App, die Sachbücher und Sachbuch-Bestseller zusammenfasst und hat den Slogan „Große Ideen auf den Punkt gebracht“. Sie wirbt damit, dass man sich beruflich weiterentwickeln, kompakt Wissen erwerben und neue Perspektiven erkunden kann. Ich möchte dies bezweifeln. Denn sie fasst nicht zusammen, sie kürzt zusammen, d.h. sie reduziert ganze Argumentationsstränge und streicht Argumente. Sie bringt nicht große Ideen auf den Punkt, sondern um wichtige (Aussage-)Punkte. Neue Perspektiven erkunden kann man nur dann, wenn man neue Ansätze entdeckt, so wie das Wort „erkunden“ schon suggeriert.  Wenn es jedoch keine Anknüpfungspunkte gibt, weil man alle Anekdoten und Beispiele reduziert hat, wie soll das gehen.?

Persönlichkeitsentwicklung heißt neues Wissen erwerben und durch Verständnis in sein Leben zu integrieren.

Bücher zu lesen ist In. Wer sich nicht die Zeit nimmt Bücher zu lesen, ist weder ein interessanter Mensch, noch guter Entrepreneur — eben irgendwie uncool. Dieser Mensch nimmt sein persönliches Wachstum nicht wichtig genug. Halt öde. Dieses Urteil führt aber gleichzeitig zu einem gewissen Druck. Ähnlich wie die Einstellung, dass man busy sein müsste. Wer nicht beschäftigt oder im Stress ist, ist scheinbar nicht wichtig genug, weil er immerhin nicht busy ist. [Ja, klingt Paradox. Ist doch aber so, oder?]

Menschen konsumieren Bücher, um zu zeigen, dass sie Bücher lesen. Speedreading ist daher eine gängige Lösung. Sie posten bei Instagram, rezensieren [ehrlicherweise schildern sie meist in <100 Zeichen ihren subjektiven Eindruck, ob das wirklich Rezensieren ist, sei dahingestellt, aber das Fass mach ich jetzt nicht auch noch auf.], jedenfalls sie geben an. Schau! Ich lese ganz tolle Sachbücher. Ein wenig wie „tsundoka“: Der japanische Begriff dafür, dass Menschen Bücher kaufen, um sie ungelesen ins Regal zu stellen.

Wenn ich auf Netzwerkveranstaltungen scheinbar ganz interessante Menschen kennenlerne und wir dann auf das Thema Bücher kommen, uns Empfehlungen geben und dann feststellen, dass wir sogar beide eins bereits gelesen habe, frage ich ganz interessiert: „Und? Was hat dich am meisten an dem Buch begeistert?“ oder „Fandest du das Beispiel x“ optional „die Begründung y auch nicht nachvollziehbar?“, erhalte ich meist als enttäuschende Antwort ein geduckstes: „Ja, das ist lange her, dass ich das Buch las.“ Oder das Geständnis „Ich hab nur die Zusammenfassung bei Blinkist gelesen.“

 ... Aha. Du, Blender!

Bei Instagram erlaube ich mir meist einen Spaß, indem ich die Menschen, die Büchercover posten, frage, was denn ihr größtes Learning aus dem Buch ist, oder ihr Lieblingszitat sei. Einfach um zu sehen, welches Wissen sie erwerben konnten. Oft bekomme ich keine Antwort. Das ist wiederum nicht mehr spaßig. Das ärgerlich: Die lesen die Frage, sie ignorieren sie nur. Woher ich das weiß? Naja, den Menschen, die nach mir kommentieren, aber einfache Fragen stellten oder lobten, denen antworten sie.

 ... Aha. Ihr, Blender!

„Ja, du hast das Buch gelesen. Aber hast du es verstanden?“

Ich hab nix gegen Blinkist. Ehrlich nicht. Ich finde nur, dass man es zu nutzen wissen sollte. Ich wende mich gegen die Illusion oder das Pseudo-Gehabe, dass man durch Zusammenfassungen (Wissen) zu Entwicklung (Weisheit) gelange. Lass mich das an einem Vergleich erläutern:

„Magic Cleaning“, das Aufräumbuch von Marie Kondo ist auf Blinkist durchaus gut zusammenzufassen. Ehrlichweise steht aber in dem kleinen, nur 200-seitigem Buch auch nicht wirklich viel Interessantes. Viel Blablabla. Bullshit halt. Ganz viele Füllwörter, zu viele Anekdoten und Beispiele, die unverständlich sind, und auch nur dann Sinn machen, wenn man weiß, was der kulturelle Hintergrund ist, der aber nirgendwo im Deutschen erläutert wird. Das Buch ist schlecht. Da lohnt sich die Zusammenfassung bei Blinkist. Allerdings ist auch die Übersetzung schlecht. Das darf ich sagen, weil ich Modernes Japan studiert habe und viele Punkte, im Buch kontextlos erscheinen und keinen Sinn für Deutsche machen können und daher sogar missverständlich sind.

„Es gibt Bücher, durch die man alles erfährt und doch zuletzt von der Sache nichts begreift.“

- Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), dt. Dichter

Dem Gegenüber ist die Blinkist-Zusammenfassung von „7 Wege zur Effektivität“, von Stephen R. Cover ein Witz. Das ist ein Affront gegenüber dem Autor. Das Original-Buch ist ein 400-Seiten Wälzer mit kleinem Satz, in B4-Format. Ich hab’s nun 3-Mal gelesen, werde es ein Viertes mal tun und die Einsichten, die ich jedes Mal neu gewinne, weil ich jedes Mal etwas anderes hineinlese oder mir auffällt sind überwältigend. Jedes mal erwerbe ich neues Wissen. Kein Blabla. Jeder Satz wohlüberlegt, kostbar, eine wahre Inspiration mit viel Deutungsgehalt, was und wie der Autor das gemeint haben könnte.  Für komplexe Sachbücher eignet sich Blinkist nicht. Das ist Komplexitätsreduktion, die das Ziel um Meilen verfehlt.

Wozu liest du?

Alles, wirklich alles — daran glaube ich — erfüllt einen Zweck oder verfolgt ein Ziel. Wenn du nur Bücher liest, um den Schein zu wahren, dass du ein total interessanter Mensch bist, lass dir sagen: Du wärst viel interessanter, wenn du mit Herzblut etwas tust, weil du dafür brennst. Oder wenn du Sachbücher nur liest, um intelligent zu wirken, anstatt neues Wissen zu erwerben. Baue auf Qualität, statt Quantität. Du kannst das Wissen, welches du vorgibst zu haben, auch wirklich erwerben. Lasst uns aufhören zu blenden. Die Wahrheit kommt früher oder später eh ans Licht und den Schein zu wahren verbraucht unnötig Energie.

Wenn du dich wirklich weiterentwickeln möchtest und an Persönlichkeitsentwicklung interessiert bist, dann muss es, das Buch, dich tangieren. Deine Lebenswelt berühren, eben dich bewegen. Kein Speedreading. Inter-Esse kommt vom Lateinischen und bedeutet Zwischen-Sein. Erst, wenn du das reine Wissen, die reinen Informationen in Kontext setzen und verstehen kannst. Wenn du dich damit beschäftigst, was sie für dich bedeuten, dann wird es zur Weisheit. Bücherwelten bewegen Gedankenwelten. Ein Buch kann deine Welt verändern.

„Der Gebildete weiß Bücher so zu lesen, dass sie ihn verändern.“

- Prof. Peter Bieri, (*1944), Professor & Autor

Als ich Bücherthesen während der Universitätszeit für ein Referat prägnant formulieren musste, war ich auch für jede Zusammenfassung, die ich im Internet fand überaus dankbar. Spart sie doch Zeit und Arbeit. Wenn du sowieso vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr siehst, perfekt. Für Haus- oder Abschlussarbeiten bin ich der Auffassung muss man nie das ganze Buch lesen, man brauchte einzelne Zitate und die Hauptthese. Mehr Wissen muss man nicht erwerben. Glaub mir, die meisten Dozenten lesen sehr, sehr selten ganze Bücher - nur einzelne Passagen, die sie benötigen.

Das Ziel in der Uni spezifische Sachbücher zu lesen, ist in den seltensten Fällen, sich das Wissen anzueignen, sondern bedauerlicherweise die Thesen nur wiedergeben zu können. Zeigen, dass man es Verstanden hat. Ob man es wirklich verstanden hat, zeigte sich erst dann in der Fragerunde. Für die Uni und Schule ist Blinkist anwendungsbezogen super.

Ersetzt Blinkist eine Rezension? Eigentlich nicht. In den Zusammenfassungen weißt du ja nicht, ob was Wichtiges fehlt, ob es Wichtig für dich hätte sein können. Es fehlt ein begründetes Urteil, ob sich ein weiterlesen lohnt. Und wenn ja unter welchen Bedingungen. Was dich erwartet. Eine Review, also Rezension, heißt ja nicht umsonst auch Überprüfung und Inspektion.

„Viele Rezensenten können schreiben, aber nicht lesen.“

- Ludwig Marcuse (1894-1971), dt. Literaturhistoriker u. Philosoph

Die „Opportunitätskosten“ von Speedreading und Blinkist

Du verpasst mit Speedreading die unterhaltsamen Anekdoten und Beispiele, die Bücher erst ausmachen und dazu anregen Thesen oder Annahmen von Autoren besser nachvollziehen zu können. Du wirst nie in Gänze verstehen, was der Autor meinte, weil dir Abgrenzungen, Ausnahmen und Einräumungen fehlen. Du verzichtest mit Speedreading auf ein amüsantes Lesevergnügen, welches erst durch Ausschweifungen und Platz für Ausdruck, Stil und Kreativität unterhaltsam wirkt. Du nimmst dir die Möglichkeit neues Wissen zu erwerben. Lesen wird zum Zwang und zum Ziel. Es verliert an Selbstzweck und du läufst Gefahr deine intrinsische Motivation zu verlieren. Willst du nur die Striche auf deiner Reading-List wachsen sehen?

Wozu liest Weltenbewegerin Sachbücher?

Die Frage, die Oliver Fritsch mir vor 2 Jahren stellte hab ich damals damit beantwortet, dass Neugier meine intrinsische Motivation ist. Lesen, und Wissen erwerben machte mich glücklich. Heute weiß ich, das ist nur die halbe Wahrheit. Wissen macht mich deshalb glücklich, weil ich dadurch in der Lage bin, durch meine Weisheit anderen zu helfen. Ich liebe es meine Kenntnisse und Erfahrungen weiterzugeben, ich helfe gerne. Und dazu brauch Wissen. Ich muss Texte nicht mit Speedreading abgrasen. Dass mir Lesen auch noch Spaß macht, ist ein nettes Add-On.

Und deswegen lese ich 2017erneut 52 Bücher, von den 150 Büchern, die ich in den letzten Jahren las, weil sie es wert sind genauer unter die Lupe genommen zu werden. Ich überprüfe sie erneut auf Erkenntnisgehalt. Die 52 Bücher sind gute Bücher und es braucht Zeit und Geduld manche Sätze zu begreifen. Vieles versteht man erst beim Zweiten Lesen.

Wenn ich diese 52 Sachbücher gelesen und wirklich verstanden habe, dann brauche ich auch kein FOMO mehr zu haben. Denn wer ein Thema begreift wird feststellen, dass sich viele Dinge eh nur oft genug wiederholen. Die Kunst und Stärke wird es sein zu begreifen, worin sich künftige Sachbücher unterscheiden, obwohl sie über dasselbe Thema handeln.

Gewinnspiel

Ich will mein Marie Kondo-Aufräumbuch loswerden und es an jemandem geben, der das wirklich lesen möchte, obwohl ich wörtlich zerrissen habe. Schreib mir dazu einfach bis zum 28. Februar in den Kommentaren, wieso du es haben möchtest und überzeug mich davon.

Ach, und die oben erwähnten Bücher liste ich dir in meinem Artikel „52 Bücher, die ich in 2017 lesen werde — erneut" auf.

Was hältst du von Speedreading. Bist du ein Fan von Blinkist und ihrer Zusammenfassung von Sachbüchern? Übertreibe ich mit meiner Kritik und Ansprüchen etwas?

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren