Schnelllebigkeit zeichnet die heutige postmoderne Welt aus, denn vieles verändert sich immer rapider. Altes Gewohntes wird in kürzester Zeit durch neues Innovatives ersetzt. Was hat heute noch Beständigkeit?

Unsere Energie, als auch unsere Zeit ist rar und kostbar. Produktivität wird auch im Ehrenamt verlangt. Wozu soll man sich engagieren in einer unbeständigen Welt? Denn immerhin möchte man etwas bewirken, seinen Beitrag leisten und einen Impact verursachen. Auch über die Zeit des Ehrenamts hinaus, oder? Ist das denn möglich?

Als engagierter Mensch in den unterschiedlichsten Bereichen möchte ich erläutern, warum gerade die kleinen Dinge, die bedeutsamsten, als auch beständigsten sind. Und erläutere wie du diese nachhaltigen Dinge etablieren kannst.

Absolutes Credo: Strebe nach Großem und „Think Big"

„Verursache eine Delle im Universum“, sagte Steve Jobs. Solche und ähnliche Sprüche prallen uns überall im Internet entgegen. Blitzen uns als Erfolgs-Zitate auf Instagram entgegen oder werden wie Buzzwords auf Selbstoptimierungs-Blogs gesät. Es wird suggeriert, dass Visionär zu sein auch Ruhm und Ehre zu ernten, bedeutet, dass man irgendwie in Erinnerung bleibt. Aber ist das Sinn und Zweck deines Engagements? Wozu engagierst du dich?

Fass dir an Herz! Engagierst du dich, um was für dich selbst zu erhalten, z.B  Anerkennung,  oder geht es dir darum etwas zu bewirken, z.B Nachhaltigkeit ?

Nachhaltigkeit bezeichnet, dass etwas Ressourcen schonend ist, aber gleichzeitig auch, dass gesellschaftliche Ungerechtigkeiten überwunden werden — Es geht um eine soziale Idee. Eine soziale Idee, die unsere Welt bewegt und zum Vorteil vieler anderer Mitmenschen nutzt. Und ich frage dich erneut: Was ist deine Intention, wenn du Dinge erfolgreich meistern möchtest? Steht deine Idee oder du Selbst im Fokus? Beides gleichzeitig kannst du nicht anstreben.

Ich frage deswegen so penetrant nach, weil es die Intention ist, die wir bei allem, was wir tun, mitkommunizieren. Deine Intention ist maßgeblich entscheidend, ob ein Projekt nach dir weiterlebt. Menschen werden bemerken, ob du etwas aus selbstsüchtigen oder — nicht unbedingt altruistischen — aber zielorientierten Gründen tust. Spätestens bei deinen Handlungen, bei dem Abwägen bei Entscheidungen, wird man bemerken, was du im Herzen trägst.

Bei mir macht sich bei solchen Fällen immer ein Grummeln im Bauch bemerkbar. Wenn zwar jemand meine Mithilfe benötigt, aber seine Beweggründe nicht mir ehrlich kommunizierend offenbart. Es ist wichtig Menschen für eine Idee zu gewinnen, damit sie weitergetragen, -wachsen und letztlich Unterstützung findet. Und vor allem wirst du mit einer verschwiegenen eigentlichen Intention Niemanden gewinnen, der das nach dir weiterführt. Nachhaltigkeit, adé!

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Im Ehrenamt braucht es einfache Ideen

Die Lebenswirklichkeit ist anstrengend. Für jeden Einzelnen ist das Leben mühselig, voller Arbeit und auch Verpflichtungen jedweder Art prägen den Alltag. Wo soll man denn da die Kraft und Energie finden Großes zu bewirken, wenn selbst ehrenamtliches Engagement Mühsal und Anstrengung bedeutet. Wird schwierig. Warum es sich so schwer machen?

Ich war drei Jahre lange Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Heinrich-Heine Universität (HHU). Drei Jahre habe ich mich hochschulpolitisch engagiert, in der Zeit in der andere ihren Abschluss gemacht haben. Ich habe daran geglaubt, dass ich etwas bewirken kann. Es war anstrengend, aber ich gab mir Mühe. Ja, die persönliche Erfahrungen und Lehren, die ich zog waren grandios und diese will ich nicht missen, aber wenn ich rückblickend betrachte, was ich erreicht bzw. geschaffen habe, bleibt mir nicht viel in Erinnerung.

Der Arbeits-Alltag war geprägt von typischen geschäftsführenden Tätigkeiten: Bewerbungsgespräche führen, Projektkoordination mit den AStA-Referenten. Auch ziemlich coole Sachen wie Reden vor 3000 Studis halten, sowie Verhandlungen mit Rheinbahn und Studierendenwerk führen, standen auf der Tagesordnung, aber auch unsägliche Meetings und viele, viele Gremiensitzung, die ich absitzen musste. Immer wiederkehrende Veranstaltungen liefen nur redend, aber nicht handelnd ab: Vollversammlungen, Studierendenparlamentssitzungen oder idiverse besonderen Veranstaltungs-Tage an der Uni. Was geblieben ist, sind veraltete Eintragungen auf Facebook, Plakatentwürfe auf unterschiedlichsten Rechnern und Pressemitteilungen in E-Mail Ordnern.

Doch gibt es EIN Projekt, das herausstecht, was ich mit Christian einem damaligen Vorstandskollegen ins Leben rief, welches heute noch weitergeführt wird und mein Herz erfreut. Wir haben 2011 Spielzeuge von Studis für die Familienberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) gesammelt. Und heute, über 5 Jahre später, wird dieses Projekt weitergeführt. Warum gerade dieses Projekt?

1. Das Projekt bringt Freude, nicht nur einem Selbst, sondern besonders anderen.

2. Dieses Projekt ist für Andere gedacht, man ist lediglich nur Umsetzer.

3. Das Projekt ist einfach, sowohl in der Idee, als auch in der Koordinierung.

Wissensmanagement ist eines der größten Probleme im Ehrenamt, besonders in der Politik. Es muss so einfach wie möglich sein, dass ein Projekt durchgeführt wird. Die Umsetzer benötigen Freiheiten, wie dieses Projekt umgesetzt wird. Ziel ist: Das Projekt wird realisiert! Period.

Das Projekt war anfangs eine Schnapsidee. Es war eine Idee geboren aus der Frustration, das alles zäh ist und zu lange benötigt und ich einen Erfolg brauchte. Einen Erfolg, der mir beweist, dass etwas geschieht, dass wir etwas mit unsere Zeit und Energie bewirken. Irgendetwas musste Ergebnisse schaffen. Es musste etwas Einmaliges sein, ohne nachfolgende Zusatzarbeit. Etwas, wo sich Studierende beteiligen, aber ausnahmsweise nicht Adressaten sind. Die „Spielzeug-Sammelaktion“ war geboren. Spätabends tüftelten wir im Büro noch an der Idee herum. Doch bei mir macht sich der Perfektionismus-Gedanke breit, allerdings nicht lange. Schnell holte mich der Pragmatismus — in dem Fall Christian — wieder ein. Wir mussten künftig zu viele andere Projekte parallel stemmen. Der Aufwand musste also so klein wie möglich gehalten werden.

Das größte Problem, warum andere deine gute Ideen nicht weiterführen ist, dass sie entweder zu komplex oder zu schwierig sind. Oder gar beides!

Und ich glaube das ist die entscheidende Voraussetzung, warum die Spielzeug-Sammelaktion fortlaufend die Jahre an der HHU weitergeführt wurde. Eine kleine Aufwand und Ressourcen schonende Idee, aber über die Jahre immer größer werdende Wirkung durch die Beständigkeit. Auch wenn die personelle Zusammensetzung des Vorstands an der HHU jährlich wechselte fand sich immer jemand, der das weiterführen wollte, weil es Spaß macht!

Ich grinse auf dem unteren Foto nicht umsonst wie ein Honigkuchenpferd. Es war total schön, die Freude bei den Mitarbeiterinnen der AWO und den Kindern zu sehen, die direkt damit spielten. Die gesammelten Spielzeuge auf dem Tisch auszubreiten und den riesigen Spielzeug-Haufen zu betrachten. Dieses kleine Projekt, an der sich viele Studierende beteiligten, um ihr Spielzeug zu spenden, hat allen Beteiligten Spaß und Freude bereitet.

 

AWO HHU Spielzeug 2011 Akdemir

Viele Projekte scheitern, wegen der falschen Absicht, die nicht nachhaltig orientiert ist

Die Spielzeug-Sammelaktion ist kein Prestige-Projekt, das total viel Geld kostet, wie z.B eine tolle neue AStA-Website im spe, die alljährlich erneut angegriffen wird, weil man nicht checkt, dass es auf den Inhalt ankommt, den man pflegen müsste. Und trotzdem reißt sich jedes Jahr jemand drum, weil man meint, man könnte damit prahlen. Oder irgendwelche Satzungen oder Anträge, die jedes Jahr aufs Neue auf der Agenda stehen und immer wieder diskutiert werden— erneut aufs Neue erneut — weil das entsprechende Gremium teilweise personell wechselte und man es liebt sich im Kreise zu drehen. Wissensmanagement, adé!

Ich wette, dass jedem, der schon mal in einer NGO, einem Verein, in seinem Ortsverein oder bei einem freiwilligen Projekt irgendeiner Art mitgewirkt hat, ähnliche frustrierende und Kärfte zehrende Beispiele einfallen. Wird der Aufwand zu groß, wird das Ehrenamt zum Ballast. Wenig Spaß, viel Pflicht ist das Ergebnis.

In Politik und Ehrenamt, besonders politisches Ehrenamt geht es ums Handeln; um den Impact; um die Wirkung; die Nachhaltigkeit. Es zeichnet sich aus durch Freiwilligkeit und Spaß, die macht das Handeln einfacher.

Beständigkeit bedeutet, dass andere den Stab übernehmen können und wollen

Was ich oft beobachte, wenn man gemeinsam Projekte macht ist, dass Menschen auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Das ist keine neu Erkenntnis. Ich frage mich aber, ob Menschen, welche keine Mithelfer für ein gutes Projekt finden, sich eigentlich bewusst sind, dass sie die anstrengenden und unbefriedigenden Tätigkeiten anderen überlassen, während sie die tollen Aufgaben übernehmen. Das ist keine faire Teamarbeit. Wer jammert und nur Hilfe möchte, muss schauen, dass er was anbieten kann. Von nichts kommt nichts, das gilt auch im Ehrenamt.

In meinem letzten Jahr im AStA hatten wir erneut die Spielzeug-Sammelaktion gestartet. Ich hing also die Plakate auf, schrieb Mails etc. und bereitete das projekt vor. Und dann gab es eine Vorstandssitzung, in der wir die kommenden Aufgaben verteilten. Als es um die Übergabe der Spielzeug-Sammelaktion musste ich mich aber mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass ich nur die Dinge übernehme, die Spaß machen. Ich entgegnete darauf, dass ich immerhin auch die ganze Arbeit reinsteckte, wieso sollte ich nicht auch den spaßigen Teil übernehmen? Später kam mir aber der Gedanke, ob das Spielzeug-Projekt denn so weitergeführt werden könnte. Ich sah schon voraus, dass wie so oft in der Politik es dann mindestens von der Opposition hieße: „Ne, das ist von X (in dem Fall Y, wie Yase) das machen wir nicht weiter!“. So ist leider Politik. Man macht gerne Erfolge des Gegners kaputt. Ich gab das Projekt ab. Ich ließ los.

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Was du loslassen musst, um etwas zu bewirken

Unabhängig davon, dass diese neue verantwortliche Person, anscheinend leicht überfordert war und ich ihre Kompetenzen etwas überschätzte, bekam sie es Gott sei Dank mit mehrmonatiger Verspätung hin, die Übergabe zu koordinieren. Ich will ehrlich sein, es schmerzte als ich die Fotos der Übergabe bei der AWO sah. Und ich wusste nicht wieso. War es nicht schön, dass dieses kleine Projekt so großen Erfolg hatte? Lange dachte ich nach. Ich kann heute eingestehen: Das war mein gekränktes Ego.

Wenn das Ego größer ist als die Dinge, die man bewirken will hat man ein Problem: Das eigene Ego, das nämlich im Weg steht. Wenn man gute Dinge verrichten möchte, muss man sie selbstlos tun. Vielleicht erhält man etwas zurück, aber vielleicht auch nicht. Wenn man doch etwas zurückbekommt, so ist es ein erfreulicher Side-Effect. Man sollte aber niemals nur auf den eigenen Erfolg bedacht sein. Wenn doch, torpediert man, ob man will oder nicht, den Erfolg des Projekts.

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Kleine Idee mit großer Wirkung“ zu der Jan von habitgym.de unter dem Hashtag #BPkleinGROSS, eingeladen hat und ich sehr gerne teilgenommen habe.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass man nicht unterschätzen sollte, dass gerade kleine Projekte großes bewirken können und man eben nicht immer groß denken muss. Manchmal genügt auch Lean Thinking um Beständigkeit zu erreichen.


Gibst du dich oder von dir in liebevoller Absicht, so erhältst du sie zurück, vieltausendmal und mehr!

Gudrun Zydek 

Beachte folgende drei Punkte im Ehrenamt

  1. Tue die Dinge selbstlos, lass dein Ego nicht im Weg stehen. Die egozentrische Absicht überschattet den sozialen Gedanken.
  2. Überlass auch anderen die spaßige Tätigkeit, wenn du möchtest, dass sie Verantwortung übernehmen sollen.
  3. Mehr Arbeit bedeutet nicht unbedingt mehr Impact. Arbeite Ressourcen schonend, spare Zeit und Energie. Denk Klein, bewirke Großes.

Der Schmerz übrigens, der verging mit der Zeit. Nach der AStA-Zeit hab ich mich oft gefragt, warum ich 3 Jahre meines Lebens dort verschwendet habe. Ich habe sie nicht verschwendet. Ich wurde nur zu oft gefragt, warum ich das so lange machte. Vorwurfsvoll. Rechtfertigend antwortete ich oft: „Ich glaubte daran“. Damals verstanden sie das nicht. Daraufhin haderte ich mit mir selber. Heute bedaure ich, dass ich durch diese Menschen an mir zweifelte. Heute weiß ich, dass ich damals tagtäglich daran glaubte, etwas zu bewirken. Heute sehe ich, dass ich etwas bewirket und z.B. durch die Spielzeug-Sammelaktion weiterwirke

Ich hoffe, dieser kleine etwas persönlichere Artikel, hat dich zum Nachdenken angeregt. Hast du Ähnliches erlebt, oder würdest du mir in einigen Punkten widersprechen? Möchtest du etwas ergänzen? Ich freue mich über den Austausch. 

Kommentare

Jan
# Jan 16.01.2017
Liebe Yasemin,

Vielen Dank für deinen lehrreichen Beitrag zur Blogparade, für den ich die Deadline gerne noch um einen Tag nach hinten verschoben habe. Was du sagst ist sehr wichtig und ich kann es aus vielen eigenen, schönen und weniger schönen Erfahrungen bestätigen: wenn man nachhaltige Unterstützung für eine gute Sache sucht, muss man das Ego aus dem Spiel halten (oder man muss das Ego so gut tarnen, dass es keiner bemerkt :D).

Nur wer etwas auch dann tut, wenn die Kameras aus sind und niemand zusieht, tut es wirklich für die Sache und nicht fürs Ego.

Viele Grüße,
Jan
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