Leben wir weiterhin in einer wettbewerbsorientierten Wirtschaftsordnung, in der Altruisten das Nachsehen haben? Hat Erfolg nur derjenige, der dem Egoismus frönt? Wozu überhaupt geben, wenn oft genug die Welt immerzu wie eine Ellbogen-Gesellschaft wirkt? Diesen Fragen gehe ich in meinem Beitrag zur Blogparade Win-Win nach.

Lebst du in einer Überflussgesellschaft oder glaubst du an das Nullsummenspiel?

Jeder kennt sie, diese zwei Extreme. Stereotypen, die gegensätzlicher nicht sein können. Den typischen Nehmer, der immerzu um einen Gefallen bittet, aber für Gegenleistung zu beschäftigt ist. Und die mit dem Helfersyndrom, denen bescheinigt wird nicht „Nein“ sagen zu können. Wo ordnest du dich ein?

Wenn man sich fragt, was diese Menschen motiviert, so ist es wohl für den Ersteren die Überzeugung, dass von Allem nicht genug auf der Welt existiere. Frei nach dem Credo: Wer gibt, der verliert etwas. Letztgenannter Typ Mensch ist meist der Überzeugung, dass doch von Allem genug vorhanden sei und dass Helfen kein Verlust sei. Woran glaubst du?

Quid pro quo oder lieber Benefit?

Wahrscheinlich gibt es den reinen Stereotypen gar nicht. Jeder verhält sich mal egoistisch und zieht Grenzen, was auch ganz gut ist, und jeder ist (so hoffe ich) mal großzügiger. Relevant finde ich jedoch die Grundhaltung, wie man die Welt sieht.

Es ist die Lebenswirklichkeit, das Paradigma oder nennen wir es Weltanschauung, die letztlich das Handeln jedes Einzelnen auf der Welt bestimmt. Wer frei dem Motto „Wie du mir, so ich dir“ seine Reaktion abstimmt, ist immer mit dem Abwägen von Nutzen beschäftigt.  Und kann sich in einer Situation wiederfinden, in der auch Beziehungen nach ihrem Wert beurteilt werden und landet in Zweckbeziehungen, in denen jede Hilfeleistung aufgewogen wird.

Das englische Wort „Benefit“ bedeutet viel mehr als nur Nutzen. Es heißt Gewinn, Verdienst, Leistung, aber auch Vorteil, sowie Wohltat. Ein Ertrag, der nicht nur einer Person zu Gute kommt.

Als Konstruktivistin glaube ich, dass wir selbst auch unsere Lebenswirklichkeit gestalten und pro-aktiv auf andere wirken können. Wer den ersten Schritt macht und anderen einen Vertrauensvorschuss gewährt, lenkt die Beziehung auf eine Weggabelung, in der eine neue Bekanntschaft Potential entwickeln kann. Viel zu viele warten erst darauf, dass der andere tätig wird. Der Schluss liegt nahe, dass wenn zu viele so agieren, gar nicht re-agieren. Wenn es nichts gibt, was einen bindet, geht man auseinander ohne dass etwas entstehen kann.

Die Alternative: Ein gesunder Altruismus

Ich frage mich, wieso es eine negative Konnotation hat, wenn man von Altruisten redet. Das Bild, welches im Kopf aufploppt: Diogenes mit seinem Fass. (Wobei das nicht mal ein passendes Beispiel ist). Im schlimmsten Fall denkt man an eine selbstlose Persönlichkeit, die mehr gibt als sie hat, ein Türabtreter. Und viele hält wohl der Gedanke ab, dass man schwach und naiv wirken könne. Wirklich? Ich denke, das ist ein veraltetes Bild, was heute gar nicht mehr so stimmig ist.

Das Aufwiegen und Nachhalten von Nutzen kostet meist mehr Zeit als ohne Nachsehen zu geben.

Ein bekanntes Gegenbeispiel ist Adam Rifkin, eine der einflussreichsten Personen im Silicon Valley. Er ist als einer der nettesten aber auch besten Netzwerker bekannt, weil er einfach anderen hilft und Menschen zusammenbringt. Er liegt frei dem Motto, dass für 5-Minuten-Gefallen immer Zeit ist. Und seien wir ehrlich, wir alle haben 5 Minuten, die wir uns für eine Person nehmen können. Die Frage ist nur, ob wir wollen. Adam Rifkin ist überzeugt davon, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben und möchte einen Beitrag leisten. Seine Lebensgeschichte zeigt, dass man Menschen nicht danach beurteilen sollte, wie nützlich sie unmittelbar für jemanden sind, sondern jeder Mensch jedem irgendwann behilflich sein kann  — selbst nach Jahren. Es geht darum eine Um-Welt zu schaffen, die sich gerne gegenseitig hilft, ohne Nachteile zu fürchten.

Eine Geber-Mentalität zu entwickeln kann auch helfen gleichgesinnte Geber zu entdecken. Ein persönliches Filterkriterium, die Spreu vom Weizen zu trennen. Menschen zu finden, mit denen man gerne kollaboriert und kooperiert und sich bewusst von denen fernzuhalten mit denen man schlechte Erfahrungen gemacht hat.

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Der Welleneffekt spricht gegen eine Ellbogenmentalität

Ein kleiner Exkurs: Wer sich mit Ökonomie beschäftigt, kommt an Adam Smith und seine rAnnahme der „unsichtbaren Hand nicht vorbei. Die These: Das eigennützige Streben des Menschen führt zum Wohle der Gesamtgesellschaft. Nach Auffassung vieler Wirtschaftsliberalisten ist daher der Wettbewerb ein Zustand, der durchaus gerechtfertigt und sogar gewünscht ist.

Daran könnte durchaus etwas sein, wenn — ja wenn — der Wettbewerb so aussehen würde, dass Innovation und Fortschritt als Kriterium in der Bewertung herangezogen würden und nicht dass man seinen Gegner oder Konkurrenten unter dem Deckmantel der „unsichtbaren Hand“ ausnimmt oder nur schlecht macht. Ich würde an dieser Stelle den Wirtschaftswissenschaftler gerne ans Herz legen auch die philosophischen Texte von Smith zu lesen, aber dazu ein anderes Mal vielleicht mehr.

Worauf ich hinaus wollte ist, dass wir erfolgreicher werden, je erfolgreicher auch unsere unmittelbare Umgebung ist. Und dafür spricht, dass wir der Durchschnitt der 5-Personen sind, mit denen wir am meisten zu tun haben und besser dran sind, wenn es Menschen in unseren Bekanntenkreis gut geht. Aber auch in wirtschaftliche Prozesse findet man Beispiele: Wer seinen lokalen Handel nicht unterstützt, und seine Waren nur in multinationalen Konzernen kauft, soll sich nicht wundern, wenn die nationale Wirtschaft stagniert und wenn man in später Zukunft als Rentner keinen Supermarkt  in Wohnungsnähe findet.

Wenn du wächst, wachsen andere mit. Wenn andere wachsen, wachse mit. Warum also nicht ein Umfeld schaffen, was sich gegenseitig befruchtet?

Reputation — Dein Karma in der Zukunft

Am meisten überzeugt und zum Denken angeregt hat mich das Buch „Geben und Nehmen“ von Adam Grant. Was ich an dieser Stelle wirklich jedem ans Herz lege! Grant fasst in amüsanter und kurzweiliger Art zusammen, dass in der globalen und digitalen Welt von Heute, die Gewinner nicht die Nehmer sind. Vielleicht haben sie kurzfristig die meisten Erfolge zu verzeichnen, aber längerfristig glänzen die, die andere unterstützen und vertrauenswürdig sind. Wessen Ruf als „Arschloch“ vorauseilt, dem wird man künftig immer negativer gegenüberstehen. Durch das Internet und besonders die sozialen Netzwerken sind unsere Bekanntenkreise größer als früher. Man kann sich aber auch viel schneller nach einer Person erkundigen, da die Kommunikationswege kürzer sind. Wer schon mal in der Situation war, etwas verkackt zu haben, wird sich gewundert haben, wie schnell und viele Menschen davon mitbekommen. Allerdings muss man das nun auch nicht überdramatisieren, wenn’s Einzelfälle sind. Berechtigte Sorgen muss man sich aber dann machen, wenn man sein Branding erhält.

Ausblick

Was zählt und uns prägt ist das Menschenbild an was wir glauben. Erwarten wir das Schlechteste in Menschen, verhalten wir uns meistens unbewusst so, dass wir auch das Schlechteste hervorrufen. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung legen wir selbst den Grundstein dafür.

Wer hingegen offen auf Menschen zugeht, gibt ihnen die Chance auch das Beste zeigen zu können. Und ehe man sich versieht ergibt 1 + 1 nicht 2, sondern statt sich nur aufzuaddieren entsteht Emergenz. Einfach mehr als die Summe der einzelnen Teile, wie auch immer das Ergebnis aussehen mag.

Richte deine Aufmerksamkeit und deine Energie darauf, etwas im Leben anderer zu bewirken und Erfolg stellt sich als Nebeneffekt ein.“

Adam Grant

Das Arbeitsleben entwickelt sich immer mehr in Richtung Dienstleistung und Kundenorientierung. Und man muss sich die Frage stellen: Geht’s dir „nur” ums verkaufen oder hilfst und unterstützt du gerne mit deinem Service?  Meines Erachtens unterschätzen wir die Überzeugungskraft, die saus unserer Weltanschauung erwächst. Es ist Kopfsacke.

Und nicht verzagen: Helfen kann man lernen, aber auch Hilfe anzunehmen. 

Kommentare

Eva Maria
# Eva Maria 06.10.2016
Was für ein ausführlicher und toll geschriebener Blogpost! Man merkt wirklich, wie viel Herzblut hineingesteckt wurde. Und das mit dem "Hilfe annehmen lernen" ist ein echter Denkanstoß, vielen lieben Dank dafür :-)

Liebe Grüße, Eva
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Yasemin
# Yasemin 07.10.2016
Hey Eva Maria,

vielen Dank für dein Lob!

Das Hilfe annehmen ist auch in soweit interessant, weil wir dem anderen ebenfalls einen Gefallen tun, indem wir dieser Person die Möglichkeit geben uns zu Helfen. Studien zeigen: Helfen macht glücklich. Warum also nicht anderen Helfen glücklich zu sein, indem sie uns helfen. Haha!

Greetz,
Yasemin aka weltenbewegerin.
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