Dystopie oder Utopie? Wie wird unsere Zukunft aussehen? Wie wird die Digitalisierung unser alltägliches Leben beeinflussen? Peter Addor malt die Folgen der technologischen Entwicklung im Jahre 2036 aus. Ich freue mich folgenden Gastbeitrag im Rahmen der Blogparade #Zukunfsvision2036 vorstellen zu dürfen.

Wir schreiben das Jahr 2036. Niemand weiss, ob die Welt immer noch im Krieg ist, oder ob „Frieden” – sprich: Normalität – herrscht. Der Krieg begann noch ganz konventionell, mit viel Bomben, Lärm und Rauch.

Doch spätestens als wichtige Städte der USA und Russlands von Atomwaffen getroffen wurden, haben sich die Parteien auf einen «Waffenstillstand» geeinigt, ohne zu sagen, was unter «Waffen» genau zu verstehen ist. Jedenfalls hat der „Grosse Waffenstillstand” – wie er bald genannt wurde – eine Zäsur bedeutet, aber nicht ein Ende der Feindseligkeiten.

Die neuen Netze

Innerhalb weniger Monate haben die Militärs die digitalen Netze so aufgebohrt, dass das, was man im Jahr 2020 noch als „Internet” kannte, sich geradezu wie ein Spielzeug präsentierte. 

Jeder politische Block – der amerikanische, der russische und der chinesische –unterhält im Wesentlichen ein eigenes Netz. Die einzelnen Netzte sind so gross, dass für die meisten Menschen gar kein Bedarf besteht, ausserhalb ihres „Heimnetzes” zu blocken – früher hiess das „surfen”. Dennoch bestehen natürlich Verbindungen zwischen den Netzen, aber sie werden streng überwacht. Alle drei Netze sind interessanterweise sehr offen, im Gegensatz zu den Gepflogenheiten vor dem Krieg. Damals haben die Chinesen ihr Netz in psychotischer Manier überwacht und zensiert. Einige Länder, wie Russland oder die Türkei, bedienten sich zwar des amerikanischen Netzes – damals „Internet” genannt – zensierten es aber und sperrten viele Social Media. Heute hat der russische Block, zu dem auch fast ganz Europa, inkl. der Türkei und des Nahen Osten gehören, sein eigenes Netz. Das amerikanische Internet ist das kleinste der drei Netze.

Vor dem Krieg wurde das Herunterholen eines Passagierflugzeugs oder das Hochgehenlassen eines PW über das Internet noch als „theoretisch möglich” diskutiert, aber nicht einmal die damaligen Terrororganisationen, die mittlerweile völlig aufgerieben wurden, konnten so etwas. Nach dem „Grossen Waffenstillstand” war es jedoch an der Tagesordnung, dass auf der Autobahn alle paar Kilometer ein PW explodierte, dass Elektrizitätswerke ausbrannten, Kühlschränke heizten statt kühlten, Wohnungen im Winter kalt blieben oder Passagierflugzeuge abstürzten.

Smartwaches und Smartboxes

Das führte zunächst dazu, dass eine regelrechte Mobilitätsstarre eintrat. Waren wurden nur noch per Drohnen verschoben. Während vor dem „Grossen Waffenstillstand” fast die gesamte Weltbevölkerung auf der Flucht war und nomadisierend lebte, nisteten sich die Menschen nun ein, wo sie sich gerade befanden. Die Tendenz ging in die wärmeren Gefielden, um von Smart Homes unabhängig zu sein. Das Einzige, was man braucht, sind Geräte, die früher „Computer” genannt wurden. Jeder Mensch hat heute eines dieser Geräte, meist am Handgelenk als Smartwatch oder in der Tasche als Smartbox. Ihre Leistung entspricht mindestens der eines menschlichen Gehirns. Sie entwerfen vor dem Benutzer ein Hologramm, das anzeigt, was er wissen will. Die Bedienung geschieht per Sprachanweisungen oder dadurch, dass der Benutzer mit der Hand in das Hologramm hineingreift und dort die virtuellen Objekte um- oder anordnet.

Die Netze sind per Satellit von jeder Ecke der Welt erreichbar. Die Geräte kommunizieren direkt mit den Satelliten, ohne mehr Strahlung abzugeben, als die Smartphones von 2020. Die persönlichen Daten, also auch die diversen amtlichen Papiere, befinden sich im „Stellar”, einer Netzregion, die 2020 als „Cloud” bezeichnet wurde.

Distance Working

Nach der Mobilitätsstarre gingen die Menschen nicht mehr aus ihren Verstecken heraus und erledigten alles über die Netze. Das funktioniert ganz gut. Über weiterentwickelte Blockchaintechnologien schnappt man sich aus dem Meer von Arbeitspaketen, die in den Netzen abhängen, eines, das einem gefällt und erledigt es für irgendwen, der irgendwo auf das Resultat warten.

Das kann z.B. ein Haus sein, das sich einer wünscht. Von jedem Ort aus können die benötigten Baumaschinen mobilisiert und programmiert werden. Natürlich braucht es dazu einiges an Bau-Knowhow. Daher kann nicht jeder jedes Arbeitspaket pflücken. Baumaterialien lassen sich mit Drohnen zu der Baustelle bringen.

Nur für einige abschliessende Arbeiten werden Leute vor Ort gebraucht.

Das alles haben zwar die Militärs für ihre Zwecke entwickelt, kann heute aber eigentlich von jedermann benutzt werden. Die Bevölkerung bestimmt weitgehend autonom, wie sie die Netze brauchen. Dank der Social Media, die es in viel umfangreicheren Versionen als 2020 immer noch gibt, besteht fast so etwas wie eine Symbiose zwischen der Bevölkerung und den Blockverwaltungen. Diese haben gelernt, dass eine teure und aufwändige Überwachung der Bevölkerung ohne Nutzen ist.  

Privacy

Vielmehr interessiert die Blockverwaltungen, wie sie die unrechtmässige Beeinträchtigung von Dingen des alltäglichen Gebrauchs und der Verkehrsmittel unterbinden können. Die Sicherheitstechnologie boomt. RSA und elliptische Kurven haben längst ausgedient. Anmeldeprozeduren geschehen normalerweise über automatische DNA-Speichel-Erkennung. Zusammen mit dem physischen Tracking ist es nun unmöglich, dass Unbefugte Zugriff auf Autos, Elektrizitätswerke, Flugzeuge oder Kühlanlagen erschleichen. Dank eines passiven Chips unter der Hautder den jeweiligen Standort des Trägers sendet, kann sich niemand als jemand anderes ausgeben. Da der Chip nicht empfangen kann, kann auch nicht darauf zugegriffen werden.

Früher hatten die Menschen Angst, dass ihre Daten missbraucht werden. Sie diskutierten diese Gefahr immer wieder und waren mit der Bekanntgabe ihres Standortes oder ihrer persönlichen Daten zurückhaltend. Diese Ängste traten angesichts der Kriegsgefahren in den Hintergrund. Später wurde per Kriegsrecht entschieden, dass alle Menschen, ungeachtet woher sie stammen und welchem Block sie angehören, alle Daten im Stellar deponieren und einen Chip unter der Haut tragen müssen. Die Menschen gewöhnten sich daran, wie sich die Menschen vor 100 Jahren daran gewöhnten, dass der Strassenverkehr in Europa jedes Jahr über 25’000 Unfallopfer forderte.

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Die neue Mobilität

Der Verkehr ist nun also wieder sicher geworden. Zwar versuchen die drei Blöcke immer noch, auf die NEO der jeweils anderen Blöcke zuzugreifen. NEO sind die „Networked Everyday Objects”, früher auch IoT, also „Internet of Things” genannt. Manchmal gibt es Mitteilungen, dass das hie und da gelungen sei; aber solche Feindlichkeiten geschehen nur sehr lokal, nämlich vor allem dort, wo die USA innerhalb der anderen Blöcke noch vereinzelte Brückenköpfe haben.

Im Allgemeinen lässt das Interesse für das Hacken der NEO aber nach, da die Neuordnung der Welt Vorrang hat. Da wieder bedenkenlos gereist werden kann, erinnern sich die Menschen an ihr Nomadentum, das ihnen während des Krieges aufgezwungen wurde.

Überall auf der Welt entstehen eine Art Containerwohnungen, die jeder Mensch temporär beziehen kann, wenn sie leer steht. Man zieht weiter, wenn die lokalen Bedingungen erstarren, d.h. die Behörden zu bürokratisch werden, das Sortiment in den Läden sich verschlechtert, die Nachbarn zicken oder der Dichtestress unerträglich wird. Fast niemand hat eine feste Anstellung an einem festen Ort. Sogar die Mitarbeiter der lokalen politischen Verwaltungen sind immer nur auf der Durchreise. Manche verwalten über die Netze einen Ort, der tausende Kilometer weit entfernt ist.

Während früher die Menschen unter anderem auch wegen der Schule der Kinder ansässig waren, ist das heute nicht mehr notwendig. Es gibt keine festen Schulhäuser mehr. Schule ist überall. Lernende können sich im Netz schlau machen. Wenn sie etwas interessiert, suchen sie sich im Netz einen Mentor, der sich in dieser Sache auskennt. Er arbeitet dann mit dem Interessenten während Wochen, Monaten oder manchmal gar Jahren. In grossen Wikis können die Lernenden ihre Arbeiten platzieren und werden dort von der Netzgemeinde mit Kommentaren qualifiziert. Das Wiki vergibt anhand der Kommentare Badges. Je mehr Badges einer hat, desto anspruchsvollere und interessantere Arbeitspakete kann er pflücken.

Das tägliche Leben

Weil die Menschen nomadisieren, benötigen sie wenig Besitz. Kaum einer hat noch ein persönliches Automobil. Man kann die führerlos herumfahrenden Autos per App bestellen und hinfahren, wohin man will. Bücher kann niemand mehr herumschleppen, es gibt sie nur noch in elektronisches Form auf der Smartbox. Das führte zunächst zu einem Kollaps der produzierenden Branche. Die Warenströme sind viel kleiner als 2020. Das neue Wirtschaftsmodell heisst „sharing oeconomy”.

Möglichst alles wird geteilt: Arbeit, Daten, Gebrauchsgegenstände, Liegestühle am Meer. Persönliche Dinge, wie z.B. Kleider, druckt man sich ohnehin aus dem 3D-Drucker, der in jedem Wohncontainer steht. Das funktioniert aber nicht so, wie noch 2020 mit Airbnb und Uber. Das war nicht teilen, sondern gegen Geld vermieten. Heute wird geteilt und getauscht. Das haben die Menschen im Krieg gelernt. Wenn es einem schlechter geht, ist man eher zum Teilen bereit

Der minimale Besitz hat den positiven Nebeneffekt, dass auch Pollution und Abfallproduktion stark zurückgegangen ist. Steuern sind fast auf der ganzen Welt abgeschafft, dafür muss jeder einige Arbeitspakete der politischen Behörden übernehmen, mit Ausnahme derjenigen, die alte und kranke Menschen pflegen.

Pflege geht natürlich nur vor Ort und soll weitgehend durch Menschen vorgenommen werden. Viele Menschen widmen sich gerne der Pflege alter und kranker Mitmenschen. Einige erinnern sich, dass sie 2020 jeden Handgriff mit einem Punktesystem abrechnen mussten und ständig unter Zeit- und Kostendruck standen. Das ist Gott sei Dank vorbei. Pflegende Menschen haben alle Zeit der Welt. Und wenn sie nicht mehr mögen, ziehen sie weiter und übergeben den Job dem nächsten, der kommt.

Ärzte arbeiten vorwiegend über Entfernung. Mit der Smartbox und der entsprechenden App können z.B. MRI oder EKG selber durchgeführt und die Daten dem Arzt übertragen werden.

Invasive Eingriffe finden natürlich weiterhin in Spitälern statt, in denen durchziehendes Personal arbeitet. Ist kein Spezialarzt vor Ort, kann er einen invasiven Eingriff auch via Kamera und Fernsteuerung durchführen. Anstelle einer Bezahlung übernimmt der Patient ein paar Arbeitspakete des Spitals und wenn es bloss die Steuerung und Überwachung der Reinigungsroboter ist oder das Ausdrucken frischer Verbandsmaterialien, etc.

Gegessen wird in Restaurants, in denen Roboter Essen machen und servieren. Diese müssen natürlich von herkömmlichen Köchen entwickelt und programmiert werden. Es gibt vereinzelte Restaurants, die noch von Dreisterneköchen geführt werden. Aber auch sie kommen nicht mehr ohne Roboter aus.

Nachtrag

Niemand kann die Zukunft vorhersehen oder gar berechnen. Die Zukunft ist völlig offen und es kann alles passieren. Meine Geschichte hat deshalb keinen Anspruch auf irgendeine Wahrheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit. Welchen Sinn hat sie also? Grundsätzlich dient sie der Unterhaltung, aber auch dem Gedankenanstoss. Was ist möglich, was ist völlig unmöglich? Zukunftsszenarien sind immer hilf- und lehrreich. Sie enthalten Innovationspotential und erhöhen unsere Aufmerksamkeit.  

Über den Gast-Autor
Peter Addor
Autor: Peter Addor Website: http://www.anchor.ch
Kurzprofil
Peter Addor ist Systemtheoretiker und Komplexitätsdenker. Seit 2008 schreibt er auf seinem Blog regelmäßig über Komplexität und Ungewissheit.

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