Lange, sehr lange mache ich mir schon Gedanken darüber, was es heißt anders zu Sein, in einer Welt, in der Einzigartigkeit medial hochgehalten wird, aber auf der gesellschaftlichen Ebene kaum geduldet wird. Ein Dilemma: Wir werden überschallt mit dem Credo: „Sei besonders, sei anders”,  aber gleichermaßen heißt es: „Aber ja nicht ZU anders, bloß nicht zu eigensinnig.” Ja, was denn nun?

Über Vor-Urteile als Orientierung in der Welt

Redet man über Vorurteile ploppt einem direkt in den Sinn, dass sie schlecht seien. Vorurteile zu haben zeugt von Begrenztheit und Beschränktheit. Vorurteile sind der Beweis von statischem Denken, in einer flexiblen dynamischem Welt total fehl am Platz. Denn: Der weltoffene Geist hat keine Vorurteile. Ist das wirklich so? Und woran orientieren wir uns dann in der Welt? Wenn wir die negative Wertung, oder das, was wir mit Vorurteilen in unseren Gedanken verbinden herausfiltern, heißt Vorurteil einfach nur: Ein Urteil, eine Wertung, die wir schon im Vorhinein haben. Und wenn das so ist, dann hat jeder Vorurteile. Wir alle gehen von Annahmen und Erwartungen, wie Menschen, wie die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt sind, ja wie alles auf dieser Welt ist, aus.

Jeder hat sein eigenes Weltbild und es beruht auf Vorurteilen  — Erfahrungen und Regelmäßigkeiten, von denen wir ausgehen, um uns in der Welt zurecht zu finden — und sei es, dass sie unbewusst in uns sind.

Tugend von Heute: Weltoffenheit

Gibt es völlige Weltoffenheit? Meistens wird einem vorurteilsbehafteten Menschen, der weltoffen-tolerante Mensche entgegengesetzt. Es sind zwei verständliche Konzepte, die diametral entgegengesetzt sind. Das scheint auf den ersten Blick leicht verständlich: Man ist das eine oder das andere. Die praktische Umsetzung scheint schwieriger. Muss ich die Kinder, die in der Bahn laut Musik hören tolerieren? Wie schaut es aus mit asiatischen Nachbarn, aus deren Fenster immer starke Gerüche kommen, weil sie eine andere Küchenkultur leben? Was ist, wenn mein Kind sich ein Tattoo stechen lassen möchte, das aber mit dem islamischen Glauben nicht konform geht? Ein guter Freund, der sich ständig danebenbenimmt, weil ich anderes erwarte?

Manche Menschen argumentieren, dass Weltoffenheit ein absoluter Wert an sich sei. Ich denke nicht, dass es stimmt. Selbstverständlich darf ich mich an Dingen stören und über Menschen ärgern. Natürlich darf ich manches als nicht richtig erachten. Und wenn ich ehrlich bin, gehen mir diese Menschen, die Zen und Ruhe und Toleranz und Friede-und-Freude-und Eierkuchen prägen auf den Sack. Die behaupten das Problem liege nur in mir, wenn ich mich an anderen Menschen störe. Eh, nicht ganz! Es mag sein, dass ich mich verletzt oder wat-auch-immer fühle, aber wenn nicht nur ich so fühle, sondern es auch anderen so geht, kann das ja wohl nicht ganz nur an mir liegen, oder? Ok, was dann?

Fakt ist: Wir leben in einer interdependenten Welt. Wir alle wirken aufeinander und sind voneinander abhängig.

Und diese für mich kuriosen Menschen, denen auch alles egal zu sein scheint und unter dem Postulat der Allakzeptanz des Seins subsummieren sind wohl so was wie Mönche. Aber wie leben Mönche? Sie leben meistens abgeschieden in Klostern und meditieren für sich alleine und pflegen auch untereinander meist weniger Konversation. Die Umgangsformen dieses Lebensstils können meines Erachtens nicht allgemeine Regeln für jeden sein.  Nicht in einer vielfältigen globalisierten Welt, die Wege finden muss miteinander umzugehen — und das am besten ohne sich die Köpfe einzuschlagen und Krieg zu führen.

Und das ist mein Punkt: Vielleicht muss jeder für sich entscheiden, welche Konsequenzen er bereit ist für seine Überzeugung im Leben zu tragen. Die individuelle Überzeugung,  was das richtige Leben für einen selbst ist.

Die Konsequenzen sind, wie die anderen mit denen wir zu tun haben in der Welt sich uns gegenüber verhalten und eben auf unseren Aktionen re-agieren. Ich kann die lauten Kinder in der Bahn ignorieren, dann werden sie weitermachen und ihr eigenes Handeln nicht hinterfragen. Ich könnte sie darauf hinweisen und entweder eine trotzige Antwort bekommen oder sie zeigen Einsicht und stellen die Musik leiser. Ich könnte mich auch einfach umsetzen. Meistens setze ich mich in Bahnen und Bussen einfach um, wenn mich jemand stört, sei es nervige Gespräche oder stinkende Menschen.

Die anderen Fälle: Was ist mit den Nachbarn? Ich könnte das Gespräch wagen, aber Einsicht und Rücksicht erwarten kann ich nicht. Es wäre schön wenn, aber sie dürfen doch in ihren 4-Wänden tun, was sie möchten. Dasselbe gilt für laute und rauchende Nachbarn. Mir bliebe nichts anderes übrig als es zu dulden, Maßnahmen zu ergreifen, dass es weniger störend ist, oder umzuziehen. Im speziellen Fällen kann die Hausordnung helfen, aber dann auch nur, weil der Nachbar einer Einschränkung seiner Handlungen beim Einzug zugestimmt hat. Damit hab ich aber herzlichst wenig zu tun, sondern eher der Vermieter, den ich dann hinzuziehen müsste. Zum Tattoo im islamischen Glauben: Nach strenger Auslegung ist jeglicher Eingriff in den Körper im Islam verboten. Der Körper ist eine Ausleihe von Gott, die wenn ich sterbe unversehrt wieder zur Erde zurückzuführen ist. Ich persönlich habe mich also dagegen entschieden. Das ist es nicht wert. Und der Freund? Freundschaften sind ein Sonderthema, weil sie damit zu tun haben, was wir unter Freundschaft verstehen. Manche habe hohe andere niedrigere Erwartungen. Spätestens wenn uns jemand verletzt, ist wohl Zeit die Konsequenzen zu ziehen. Was bleibt? Das Ende der Freundschaft, einer ändert seine Erwartungen oder der andere ändert sein Verhalten.

Zusammengefasst bleiben uns im Leben meistens nur drei Möglichkeiten im Umgang mit anderen: Wir dulden sie, wir ändern unsere Sichtweise und Erwartungen, oder wir versuchen im Gespräch unsere Sichtweise zu erläutern und eine andere Verhaltensweise beim Gegenüber zu bewirken. Aus Einsicht kann Rücksicht werden.

Es geht um das Austangieren von Grenzen: Wann wir uns reinreden lassen, wann uns das Wohl des Gegenübers wichtiger ist als unsere Überzeugung, wann wir für unsere Überzeugungen zu rebellieren bereit sind, und auch Konsequenzen zu ertragen haben. 

Du möchtest wissen, wie es weitergeht? Lies den zweiten Teil: Über Norm und Konformität. Gerne kannst du mir deine bisherigen Gedanken mitteilen. Ich freue mich drauf!.

Kommentare

Alicja Wiktoriaq
# Alicja Wiktoriaq 30.08.2016
Liebe Yasemin,

danke für diesen zum Nachdenken anregenden Beitrag. Ich denke, man darf Weltoffenheit nicht mit "ich finde alles und jeden toll und darf nie wieder meckern" - das gleiche gilt für Toleranz. So lange mich der andere in seinem Handeln nicht akut stört oder mich gar schädigt, versuche ich ihn zu tolerieren, auch wenn es oft ein ertragen ist.

Den Kindern im Zug kannst Du aus dem Weg gehen, ist es die Konfronation wert? Am Ende ärgerst Du Dich, weil sie Dich vielleicht noch dumm angeredet haben. Mit den Nachbarn kannst Du reden, aber am Ende muss Du es vielleicht auch einfach aushalten.

Ich bin gespannt auf morgen.

Viele Grüße
Alicja Wiktoria
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yasemin
# yasemin 30.08.2016
Liebe Alicja,

Danke für deinen Kommentar. :)

Nun tolerare kommt aus dem lateinischen und heißt auch aushalten, während acceptare annehmen/empfangen bedeutet ;)

Von manchen Dinge möchten wir uns nicht unbedingt beeinflussen lassen, aber sind doch aushalbar.

Ja, du hast es gut formuliert. Beim gleichen Problem scheint manchmal eine unterschiedliche Herangehensweise besser. Die meisten Dinge sind eben doch zu unterschiedlich.

Bis morgen! :)
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